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Behindertenbeirat der Stadt Andernach

Regina Pickel-Bossau

 

Interview mit Regina Pickel-Bossau, Vorsitzende des Behindertenbeirats der Stadt Andernach, über das Integrationsprojekt "Birkenhain"

- Können Sie in kurzen Worten das Integrationsprojekt "Birkenhain" beschreiben? Wie kam es dazu?

 

Selbst körperbehindert, ist Integration mein Leben lang ein Zentralanliegen gewesen. Ich war 40 Jahre im Schuldienst, 25 Jahre in „Sonderschulen“ und anschließend Förderlehrerin in Grundschulen. Ich musste lernen, dass es erhebliche Grenzen in der Integration behinderter Kinder in Schulen gibt. Sobald ich aber Freizeiten mit behinderten und nichtbehinderten Menschen – in den verschiedenen Altersstufen - organisierte, geschah Integration wie von selbst. Ein Schlüsselerlebnis, in Birkenhain das Integrationsprojekt aufzubauen, war: Ich hatte mich für ein stallinternes Turnier angemeldet. In der Vorbereitung saß ich auf einem Hocker an meiner Stute „Stygg“, die mir ihr Huf auf meinen Schoß legte, damit ich ihn ausputzen konnte. Neben mir stand die 7-jährige Lydia, die wie immer fasziniert zuschaute, wie „Stygg“ meine körperlichen Grenzen ausglich. Da kam der Prüfer und erklärte mir: „Sie sind ja körperbehindert. Für Gehunfähige gibt es spezielle Turniere. Sie dürfen hier nicht teilnehmen!“ Bevor ich Einspruch erheben konnte, sagte Lydia im breiten Dialekt: „So ein Quatsch! Regina läuft doch nicht, das macht doch Stygg!“ Als ich dann eine Reit-AG für lernbeeinträchtigte Kinder anbot, waren Lydia und ihre Freundinnen mit dabei. Inzwischen ist es eine Selbstverständlichkeit geworden, dass Integration so weit wie möglich geschieht.

  

- Wie sieht das Angebot aus? Und wer nimmt es wahr?

Birkenhain ist ein Reit- und Therapiehof. Er hat ein breit gefächertes Reit- und Freizeitangebot. Für Anfänger und Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter findet z.B. samstags das „Bambini-Reiten“ statt. An manchen Tagen sind mehr als 60 Kinder auf der Anlage, die reiten, Pferde pflegen, führen, miteinander spielen, erzählen. Die Eltern beeinträchtigter Kinder scheuten zunächst dieses Angebot, wurden aber schnell eines Besseren belehrt. Hieraus entstanden die „Integrationstage“ – der nächste findet am 4.7 statt. Unter einem Motto - dieses Mal „Indianer“ - gestalten die Kinder unter pädagogischer/therapeutischer Fachleitung - alle arbeiten an diesen Tagen ehrenamtlich - einen gemeinsamen Tag. Die Begeisterung und das unglaubliche Vermögen, wie sich an diesen Tagen auch schwerstbehinderte Kinder einbringen – muss man selbst erlebt haben. Die Integrationstage bewegten die Eltern, beeinträchtigte Kinder auch an den Ferienfreizeiten teilnehmen zu lassen, was wiederum bauliche Verbesserungen (u.a. Einrichtung einer rollstuhlgerechten Toilette) auf dem Gelände notwendig machten. Dies alles ist natürlich nur dank des unermüdlichen Engagements der Pächter Frau Montada und Herr Köhne, der Eigentümerin Frau Becker, des gesamten Teams, der finanziellen Hilfen aus der Bevölkerung und umfassenden Unterstützung der Stadt Andernach realisiert worden. So könnte ich viel „initieren“, aber nur dank vieler Menschen wird es Wirklichkeit.

- Am 9. Mai finden ja die „Special Olympics“ auf „Birkenhain“ statt. Können Sie den Abonnenten des Newsletters etwas darüber berichten?

„Special Olympics“ ist eine bekannte „Olympiade für geistig und psychisch beeinträchtigte Menschen“. Auf „Birkenhain“ findet sie erstmalig statt in der Disziplin Reiten. Bislang haben sich über 40 Reiter und Reiterinnen aus den Fördereinrichtungen unserer Region angemeldet, die nach überregional geltenden Turnierregeln und Bewertungskriterien ihr Können zeigen (u.a. Führen eines Pferdes durch einen Hindernisparcours). Nach dem letzten Dressur- und Springturnier, bei dem einige unserer beeinträchtigten Freunde begeisterte Zaungäste waren, äußerten sie den Wunsch, in einem speziellen Turnier ihr Können unter Beweis stellen zu können. Wir rechnen mit weit über 200 Gästen, die von 11- 17 Uhr die Special Olympics miterleben wollen. Ob jung oder alt, ob beeinträchtigt oder nichtbehindert, alle „Birkenhainer“ arbeiten jetzt schon ehrenamtlich mit, damit es ein großes Fest auf einer herrlich gestaltenden Reitanlage werden kann. 

 

- Wie finanziert sich eine solche Reitanlage?

Die Reitanlage finanziert sich durch die Einnahmen aus den Reit- bzw. Therapiestunden und den zusätzlichen Angeboten, das finanzielle Engagement der Pächter und Spenden aus der Bevölkerung. Hinzu kommen die ehrenamtliche Tätigkeit vieler „Birkenhainer“ und engagierte Personen aus Andernach und Umgebung. Es bleibt stets ein „Risikobetrieb“ – ein reiner „Therapiehof“ könnte wirtschaftlich auf Dauer nicht bestehen.

 

- Können Sie exemplarisch von einer Begegnung zwischen nichtbehinderten und behinderten Kindern berichten? Wie ist der Umgang miteinander?

 

Integrationstag 2008 – Motto „Zirkus“: Die achtjährige, schwer spastisch gelähmte, im Rollstuhl sitzende, kaum sprechfähige Laura wollte unbedingt „Birkenhain“ besuchen. Als ihre Eltern hörten, dass ein Kinderfest mit einem fest angemeldeten Teilnehmerkreis stattfindet, wollten sie Laura wieder ins Auto setzen. Laura begann zu weinen. Die vielen Kinder, das lustige Treiben und sie sollte wieder nach Hause? Während Lauras Eltern mit vielen guten Worten sie beruhigen wollten, handelte die 9-jährige, nicht behinderte Moni kurz entschlossen: „Du machst doch mit, Laura? Magst du Hunde?“ Laura nickt freudig. Wortlos schob Moni Laura im Rollstuhl an den verdutzten Eltern vorbei zur Kindergruppe und sagte: „Da kommt unsere Hundedompteurin!“ Die Einwände der Eltern nutzten nichts, Laura saß schon mitten in der Zirkustruppe. Zwar hatten Lauras Eltern nur einen Kurzbesuch geplant, fanden aber schnell Anschluss in der Elternschar und erlebten „zum ersten Mal eine glückliche Laura“. Ihre Eltern waren höchst erstaunt: „Wieso kann sie denn jetzt so gut sprechen? Man versteht sie doch sonst fast gar nicht?“ Lauras Eltern wurden prompt von einem nichtbehinderten Kind belehrt: „Wir haben sie alle verstanden, das muss an euch Großen liegen!“